Die Zukunftsaussichten des Gewichthebersports in Hessen

Ende des Jahres 2010 trafen sich die Vereins- und Verbandsvertreter des Gewichthebens aus Hessen in Alsfeld um das ablaufende Jahr zu analysieren und sich für 2011 neue Ziele zu setzen. In 2010 haben wir mit dem langjährigen Vizepräsidenten Schorsch Mahlein und dem Ehrenmitglied Berthold Vick durch den Tod zwei Männer verloren, die viele Jahre das Bild des Gewichthebens in Hessen mit geprägt haben. Berthold war dabei ein leidenschaftlicher Vertreter Nordhessens, der sich immer dafür einsetzte, daß die Region um Kassel ihren traditionellen Stellenwert behielt. Schorsch dagegen fühlte sich für ganz Hessen zuständig. Das haben die Kasseler Freunde stets anerkannt.

Nun, ich habe die Entwicklung des Gewichthebens ab dem 01.05.1946 miterlebt, auch mit gestaltet; zunächst als aktiver Sportler, ab 1948 als „Funktionär“ von der Vereins- bis zur Weltebene. Ab 1952 kam dann die Arbeit als Kampfrichter hinzu – bis zur Erreichung der Altersgrenze. Ich denke, daß ich deshalb einen gewissen Überblick über die Entwicklung in Hessen habe, die in Schüben erfolgte. Dabei hatte ich das Glück, als junger Mensch auf gestandene Männer zu treffen, die mir beibrachten, wie man Meisterschaften mit 300 bis 400 aktiven Sportler organisiert – ganz ohne Computer, mit selbst gefertigten Wettkampflisten, bestenfalls ausgestattet mit alten Schreibmaschinen, wobei der dritte Durchschlag oft schon nicht mehr lesbar war – aber das klappte alles wunderbar.

Als nach dem 2. Weltkrieg der Sport neu begann waren in Hessen Ringer, Gewichtheber, Rasenkraftsportler, Kunstkraftsportler im Hessischen Schwerathletikverband zusammengefaßt; ja zunächst waren gar die Judoka noch dabei. Krafträume mit Maschinen wie wir sie heute kennen, waren unbekannt. Die Langhantel, das Gewichtheben, gehörte zum festen Trainingsprogramm der Ringer. Deshalb war es durchaus üblich, daß aktive Sportler beide olympische Sportarten ausübten. Das Gewichtheben hatte dadurch eine Vereinsdichte, von der wir heute nur noch träumen. Ganz eng waren die Verbindungen auch zu den Rasenkraftsportlern. In den Sommermonaten gab es keine Gewichtheber Wettkämpfe. Da gingen die Sportler auf die Sportplätze, warfen den Hammer, das Wurfgewicht und stießen den Stein. Umgekehrt gab es im Winter keine Wettkämpfe im Rasenkraftsport. Deshalb trainierten die Rasenkraftsportler im Winter Gewichtheben und nahmen auch an deren Wettkämpfen teil.

Natürlich hatten die Funktionäre in den Vereinen unterschiedliche Vorlieben und so kamen so Anfang der 60er Jahre Spannungen auf. Die Gewichtheber argwöhnten, in vielen Vereinen würde das Gewichtheben nicht mehr entsprechend gewürdigt und gefördert. Natürlich schwappten da auch internationale Entwicklungen herüber. Bis zu den letzten Weltmeisterschaften vor dem Krieg, im Jahre 1938, gehörten deutsche Gewichtheber zu den besten der Welt. Als der Deutsche Athletenbund nach mehreren Anläufen wieder international mitwirken durfte, als 1952 gar deutsche Gewichtheber wieder bei Olympia starten durften, da stellte sich ganz schnell heraus, daß Deutschland im Gewichtheben international den Anschluß verloren hatte. Die DAB-Heber landeten bei internationalen Meisterschaften weit abgeschlagen im hinteren Feld … und dafür suchte man natürlich Verantwortliche. Die mangelnde Förderung des Gewichthebens im Gesamtverband wurde als Ursache herausgedeutet – auch in Hessen. Im Hessischen Schwerathletikverband wurde ein gesonderter Sportwart Gewichtheben installiert, der Posten mit Hans-Günther Hofmeister besetzt, der als Leiter des Fernmeldeausbildungsheimes in Kassel viele junge Menschen für das Gewichtheben begeisterte und deshalb den Postsportverein Phönix Kassel gründete, der später einer der besten und erfolgreichsten Gewichtheber Vereine der Bundesrepublik werden sollte. Nur wenige werden noch wissen, daß der junge Verein zunächst mit einer Rasenkraftsportmannschaft antrat – vielleicht hat das Bild dieser Mannschaft, das früher im Ausbildungsheim hing, irgendwo überlebt.

Wir betrieben natürlich weiter Ursachenforschung und mit der Schaffung des Kampfrichterobmanns Gewichtheben kam im HSV eine zweite Gewichtheber Position hinzu, die mit mir besetzt wurde. Die Kampfrichterei im Gewichtheben war damals noch ganz anders als heute. Wir trugen keine grauen Hosen und blaue Blazer wie heute, sondern waren aus alter Tradition ganz in Weiß gekleidet. Der Kampfrichter saß auch nicht auf einem Stuhl, sondern er stand während des gesamten Wettkampfes. Die Position eines Sprechers war weithin unbekannt, deshalb gehörte es auch zu den Aufgaben des Kampfrichters, auf die Einhaltung der Startreihenfolge zu achten.

Wie waren die Wettkampfübungen? Nun, da gab es zunächst einen Glaubenskampf. Die Vereine, die noch aus dem 1933 verbotenen Arbeitersport kamen, bevorzugten einen Dreikampf, der aus ein- und beidarmigen Reißen und beidarmigem Umsetzen und Stoßen bestand. Sie lehnten das international übliche Drücken ab. Wer aber international dabei sein will, muß sich anpassen. Also setzte sich das Drücken durch, wobei zunächst als Übergang ein Vierkampf durchaus üblich war – es gab auch DAB-Meisterschaften die aus einarmigem Reißen (eine schöne, elegante Übung) und dem Olympischen Dreikampf bestanden. Als Kampfrichter war die Bewertung des Drückens einfach. Die Regel lautete: Knie und Kreuz steif, Blick geradeaus! Nur mußte man seinen Standplatz wechseln. Stand man beim Reißen und Stoßen frontal vor dem Athleten, um das Einknicken der Arme besser zu sehen, wählte man zum Drücken seinen Platz diagonal vor dem Athleten, damit man eine eventuelle Kreuzlage besser sehen konnte. Fast alle Sportler wählten sowohl zum Reißen, als auch zum Umsetzen zum Stoßen, den Ausfallschritt. Als das Umsetzen zum Stoßen in der Hocke aufkam, mußte der Kampfrichter seine Position manchmal während der Übung verändern. Ob die Arme beim Umsetzen die Oberschenkel touchierten sah man besser von der Seite, das Ausstoßen dann wieder besser frontal zum Athleten. Nun, die Regel des Drückens wurde auf internationalen Druck hin immer mehr verwässert. Zunächst war das Zurückwiegen des Oberkörpers um eine Handbreit erlaubt – das mußte man als Kampfrichter zur Beurteilung im Gefühl haben, dann mutierte das Drücken gar zu einem Standstoß. Nach dem Umsetzen begann das Drücken nach dem Klatschzeichen des Kampfrichters. Wer es mit den Athleten gut meinte, klatschte ganz schnell, sobald die Hantel auf der Brust lag und er stand.

Die Bewertungsschwierigkeiten führten dazu, daß international die Wettkampfübung beim Kongreß 1972 abgeschafft wurde. Ich hatte auch dafür gestimmt, denn die Übung war einfach nicht mehr korrekt bewertbar. In letzter Sekunde hatte die Sowjetunion einen Antrag dahingehend eingebracht, daß man ein elektronisches Gerät entwickeln möge, welches ähnlich wie beim Fechten „Treffer oder Nichttreffer“ anzeigen solle. Aber dazu war es zu spät. Auf nationaler Ebene schlossen wir uns sofort diesem Beschluß an. Das war nicht unumstritten und als Folge verloren wir 1/3 unserer Aktiven an den neu aufkommenden Kraftdreikampf, bei dem mit Bankdrücken, Kniebeugen und Kreuzheben statische Übungen bevorzugt wurden.

Die Jahre 1966 bis 1976 waren auf nationaler wie auf Hessenebene für die Entwicklung des Gewichthebens turbulent. Die Installation eigenständiger Verbände für Gewichtheben erzeugte zunächst eine Aufbruchsstimmung. Viele junge Funktionäre kamen in den Vereinen und Verbänden hinzu, ältere schieden früher als erwartet aus.

Im Vorfeld der Olympischen Spiele in München wurde der Sport von Seiten der Bundesregierung gefördert wie noch nie vorher. Die meisten Vereine wurden mit modernen Sportgeräten ausgestattet. Jahrzehntelang mußten sie davon zehren. Der junge BVDG gewann rasch national und international an Ansehen. Ich reiste in dieser Zeit oft als Delegationsleiter oder Kampfrichter nach Osteuropa. Dort wurden wir als Freunde empfangen und behandelt. Bei einer Meisterschaft in Bulgarien wurde im Hotel die Bundestagssitzung mit der Abstimmung über die Ostverträge übertragen. Danach konnte ich mich vor Freundschafts- Bekundungen kaum retten. Ganz anders war das nach 1990. Danach amtierte in Osteuropa eine ganz andere Funktionärsgilde. Da gab es keine Freundschaft mehr. Bei den neuen Leuten glitzerte nur das $-Zeichen in den Augen. Das heißt, wir bekamen für viel Geld die schlechtesten Quartiere. Es gab bald kein Donaupokalturnier und keinen Baltic-Cup mehr. Auch das DDR-Gewichtheben war vorher international hoch anerkannt. Wettkämpfe wie das Turnier der blauen Schwerter oder um das Kali-Kristall waren sehr beliebt. All dies ist Geschichte. Wir hatten von der Vereinigung der beiden Verbände einen Aufschwung des Gewichtheber Sports in Deutschland erwartet. Wenn wir ehrlich sind, so ist diese Aufbruchsstimmung verpufft, ohne nachhaltige Spuren zu hinterlassen. Um auf Hessen zurückzukommen: Die Zusammenarbeit zwischen Thüringen und Hessen war zunächst sehr eng. Bei der Gründung des dortigen Landesverbands am 30.06.1990 in Hermsdorf war Hessen der Taufpate der Thüringer. Diese gute Zusammenarbeit kam langsam aber sicher zum Erliegen.

Kommen wir aber auf Hessen zurück. Es gelang uns 1990 noch einen, zweitweise sogar zwei hauptamtliche Gewichtheber Trainer zu beschäftigen. Trotzdem machte das Gewichtheben eine schwere Zeit durch. Immer mehr Vereine gaben auf, weil sich dort keine Funktionäre mehr fanden, die ihre Zeit ehrenamtlich opfern wollten. Bis 1999 gelang es mir zwar, rund 30 Vereine neu für den Verband zu gewinnen. Aber die meisten gaben schon nach wenigen Jahren wieder auf. Als neue Funktionäre merkten, welch hartes Brot ein Ehrenamt bedeutet, gaben sie ganz schnell wieder auf. Als wir uns zuletzt am 07.11.2010 in Alsfeld trafen sah ich mich um und stellte fest: Die meisten von denen, die heute noch treu zum Gewichtheben stehen, waren schon vor 40 Jahren dabei. Es kam kaum einer neu hinzu – aber viele haben uns in dieser Zeit verlassen. Sei es, daß sie aus diesem Leben abgerufen wurden oder weil sie aus verschiedenen Gründen nicht mehr wollten oder konnten. Es sind aber kaum junge Leute hinzugekommen die bereit sind, für die Weiterentwicklung des Gewichthebersports in Hessen ehrenamtlich zu arbeiten. Trotzdem hatte ich den Eindruck, daß unter dem Häuflein der verbliebenen Aufrechten eine gewisse Aufbruchsstimmung herrschte. Die von Rudi Seidel wieder mustergültig erstellte Jahresstatistik 2010 stützt diese Meinung. Es tut sich wieder etwas, in unserem Hessenländchen. Ich sehe das mit Wohlwollen!

Worauf stützt sich diese Hoffnung? Jahrelang galt die Aussage vieler alter Kämpen: „Die“ Jugend sei nicht mehr leistungsbereit. Sie wolle sich nicht mehr quälen, sie wolle nicht mehr Gewichtheben. Auch in diesen schweren Zeiten hielt ich diese Aussage für falsch. Nach wie vor kann man Jugendliche für den Gewichtheber Sport begeistern. Man kann aber nicht erwarten, daß ein junger Mensch in unsere oft tristen Trainingsräume kommt – man hat unseren Sport meist in finstere Kellerräume verbannt, und sagt: „Guten Tag, kann man hier Gewichtheben“. Nein, wir müssen in die Schulen oder wie früher Fritz Schnappauf über Sportplätze gehen und junge Menschen ansprechen, müssen versuchen, sie für unseren Sport zu gewinnen. Daß dies geht haben selbst in den schlimmsten Zeiten die Vereine in Pfungstadt und Langen gezeigt. Sie bewiesen, daß es nach wie vor möglich ist, Jugendliche zu gewinnen. Wenn die Fakten nicht ganz gewaltig trügen, dann stehen heute diese beiden Vereine nicht mehr alleine in Hessen. Wir sehen gute Ansätze für einen Neuanfang zumindest auch in Baunatal, Groß-Zimmern, Zeilsheim, Elz und beim SAV Kassel. Auch in Vellmar, Wiesbaden, Schweinheim, Heppenheim, Fulda, Griesheim liegt noch Glut unter der Asche, gibt es zumindest Masters, die gelegentlich an Gewichtheber Wettkämpfen teilnehmen. Wenn auch diese Vereine zu einer zielgerichteten Jugendarbeit finden, dann braucht uns über die weitere Entwicklung in Hessen nicht Bange zu sein. Daß es geht ist bewiesen. Man muß nur Wollen!

Glück Auf für 2011

Otto Schumann